Der Entomologische Verein Stuttgart 1869 e.V. gehört zu den ältesten naturwissenschaftlichen Vereinigungen Deutschlands. Die Geschichte des Vereins ist geprägt von der allgemeinen Zeitgeschichte. Sie erzählt von Aufbrüchen und Krisen, von Verlusten und Neubeginnen, von wissenschaftlicher Neugier und gemeinschaftlichem Engagement. In ihr spiegeln sich die politischen Umbrüche ebenso wie die gesellschaftliche Entwicklung von der Gründerzeit bis in die Gegenwart.
19. Jahrundert

Gründer der Entomologische Verein Stuttgart 1869 e.V. Von links nach rechts: Dr. med. Wilhelm Steudel, Dr. Ernst Hofmann.
Alles begann im Jahr 1869, als sich in Stuttgart einige Männer zusammenfanden und den Entomologischen Verein Stuttgart gründeten, der damals oft spöttisch als „Muckenklub“ bezeichnet wurde. Unter ihnen waren der bekannte Lepidopterologe Dr. Ernst Hofmann (1837–1892), Wissenschaftler in der entomologischen Abteilung des damaligen Königlichen Naturalienkabinetts und Herausgeber der Werke “Die Großschmetterlinge Europas” und “Die Raupen der Großschmetterlinge Europas”, Dr. med. Wilhelm Steudel (1839–1923), Wundarzt in der Stadtdirektion Stuttgart, und Josef Trinker, Goldschmied und Juwelier. Ihnen gemein war eine große Leidenschaft für Insekten und das Bedürfnis, sich in geselliger Runde über selbige auszutauschen. In den ersten Tagen des Vereins trafen sich die Mitglieder freitag abends in Gaststätten und gingen an Sonn- und Feiertagen in die Natur, um Schmetterlinge, Käfer und andere Insekten zu sammeln. Der rasche Anstieg der Mitgliederzahlen bedingte schließlich die Schaffung von Strukturen. Schon bald wurde die erste Satzung verabschiedet und Wilhelm Steudel wurde zum ersten Vorsitzenden und später zum ersten Ehrenvorsitzendnen ernannt. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden dann auch die ersten Vereinsalben mit Zeichnungen und Gedichten. Seit seiner Gründung besteht eine historisch belegte, enge Verbindung mit dem Naturkundemuseum Stuttgart und seinen Vorläufern, dem Königlichen Naturalienkabinett und später dem Württembergischen Naturalienkabinett.1900er und 1910er Jahre
Im Jahr 1903 wurde unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Max von Sußdorf (1855-1945),einer der bedeutendsten deutschsprachigen Vertreter der Veterinärmedizin, die Vereinsbibliothek trotz großer Sorge vor einem eventuellen Brand in das neue Gebäude des damaligen “Königlichen Naturalienkabinetts” in der Archivstraße in Stuttgart überführt. Die Jahreshauptversammlung wurde in diesem Jahr in Nürtingen durchgeführt. Sie blieb als „Fest für Naturfreunde“ allen Beteiligten lange im Gedächtnis.1920er Jahre

Errichtung der Hütte im Rotenacker (1929).
Im Jahr 1925 begann die Zeit von Prof. Dr. Erwin Lindner (1888-1988) als Vorsitzender des Vereins. Er begleitete dieses Amt 20 Jahre lang und wurde später zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Prof. Dr. E. Lindner war ein Pionier in der Erforschung der Dipteren. Sein zwölf Bände umfassendes Werk “Die Fliegen der paläarktischen Region" gilt als erster moderner Bestimmungsführer für Diptera.
Gründer der Rotenackergesellschaft. Von links nach rechts: Arthur von der Trappen, Karl Graf und Karl Koch.
Im Jahr 1928 erwarben einige unserer ehemaligen Mitglieder einen aufgegebenen Weinberg bei Markgröningen, den Rotenacker, und bildeten die Rotenackergesellschaft, den ersten Vorläufer der heutigen Arbeitsgemeinschaften. Unter dem Motto „Wie wohl ist’s mir am Wochenend“ begannen sie umgehend mit der Errichtung einer kleinen Hütte und der Erneuerung der Trockenmauern. Unter der Führung von Karl Graf, Arthur von der Trappen und Karl Koch wurden mit einfachsten Mitteln Strukturen geschaffen, die mittlerweile 100 Jahre überdauerten.1930er Jahre

Die Rotenackergesellschaft (1938). K. Gerstner, E. Scheuffele, Hr. Mohn, Hr. Baumgärtner, Hr. Sutor, Hr. Sutor, Hr. Wörz, Hr. Döttling, O. Witz, K. Koch, A. von der Trappen, E. Vogt, Fr. von der Trappen (die “Base”), Hr. Weinschenk.
Noch während die Bauarbeiten an der Hütte in vollem Gang waren, ließen es sich unsere ehemaligen Mitglieder nicht nehmen, ihrer eigentlichen Leidenschaft nachzugehen. So geschehen beim ersten dokumentierten Leuchtabend am Rotenacker am 7. Juni 1930. Im Jahr 1931 wurden die Arbeiten an der Hütte mit dem Innenausbau abgeschlossen, nur um umgehend mit dem nächsten Projekt, dem Leuchthäuschen „Pavillon Excelsior", zu beginnen.1940er Jahre
Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurden viele Mitglieder in den Kriegsdienst eingezogen. Einige kehrten nicht mehr zurück. Die Daheimgebliebenen trafen sich trotz Verdunkelungspflicht weiterhin jeden Donnerstag. Im ersten Kriegsjahr wurden noch 50 Sitzungen abgehalten. Dort hörte man Vorträge, diskutierte Beobachtungen und tauschte kleine Schätze aus den Sammlungen. Für viele war es ein Stück Normalität in dieser schlimmen Zeit. Zum Ende des Krieges fielen sämtliche Vereinsalben (mit einer Ausnahme) mit Mitgliederlisten, Zeichnungen, Gedichten und Dokumentationen einem Feuer zum Opfer. Damit ging ein Stück Erinnerungskultur unwiederbringlich verloren, doch der Verein selbst überlebte – ein stilles Zeugnis für den Willen zur Gemeinschaft und die Kraft der Naturbegeisterung. So wurde das 80-jährige Jubiläum im Jahr 1949 in der „Spitta-Ecke“ gefeiert. Viele bekannte Entomologen waren bei dieser Feier anwesend.

Gruppenfoto der Vereinsmitglieder anlässlich des 80-jährigen Bestehens des Entomologischen Vereins 1869 e.V. in Stuttgart-West (1949). Vordere Reihe (von links nach rechts): Wörz, Aichele, Schwarzkopf, Lindner, Reiß, Reck, Mohn, Mühl, Schramm, Leyrer. Mittlere Reihe: Hirsch, Schnell, Schmidt, Suchante, Schreiber, R. Hürttle, H. Hürttle, Kröger, Pfeiffer, Denninger, Witz, Neugebauer, Unger, Mack, Reich, Weber, Richter, Heß, Süssner, Kopp, Fiedler, Eger, Auracher. Obere Reihe: Cellarius, Pospischil, Kamp, Fittig, Vogt, Nrzai, Holzbauer, Michel. 1950er Jahre

Luftbild des zerstörten Stuttgarter Stadtzentrums (Aufnahme der britischen RAF) (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Luftangriffe_auf_Stuttgart ).
Der Krieg war am 2. September 1945 vorbei. Stuttgart lag in Trümmern und doch rafften sich die Vereinsmitglieder schon bald wieder auf. Zur Zeit der Währungsreform, als das alte Geld plötzlich wertlos wurde und viele Vereine ihre Rücklagen verloren, hat der damalige Vorsitzende Otto Reck (1901-1958) Weitsicht bewiesen, indem er das Vereinsvermögen klug über die Reform hinweg rettete. Somit konnten Bücher wieder gekauft, Versammlungen abgehalten und Exkursionen organisiert werden. Die Mitgliederzahlen stiegen langsam wieder an. Man traf sich in schlichten Räumen, die Bibliothek wurde nach und nach ergänzt, und die Freude an Ausflügen in die nähere Umgebung kehrte zurück. Im Jahr 1953 besiedelte ein Hornissenvolk unsere Hütte am Rotenacker. Heute unvorstellbar, wurde das Nest „siegreich bekämpft durch Wasser“. Danach zählten unsere Mitglieder „etwa 360 Tote“. Im Jahr 1958 übernahm Prof. Dr. Karl Wilhelm Harde (1922-1982) den Vorsitz im Entomologischen Verein. Ihn interessierten insbesondere die Käfer. Seine Werke “Die Käfer Mitteleuropas” und “Der Kosmos Käferführer” dürfen noch heute in keiner entomologischen Büchersammlung fehlen. Auch die Gründung der Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Koleopterologen fiel in das Jahr 1958. Sie war zunächst unabhängig von unserem Verein, was sich aber später noch ändern sollte.
Käfertagung in Ludwigsburg im Jahr (1964). 1960er Jahre
In der Rotenackergesellschaft übernahm H. Pfeiffer im Juni 1965 den Vorsitz. Zu dieser Zeit hatte die Gesellschaft nur noch sieben Mitglieder, was erste Diskussionen über eine ganzheitliche Integration in den Entomologischen Vereins aufkommen ließ.

Vereinsausflug (1961).
Ein Jahr später, im Jahr 1966, erreichte unser Verein einen weiteren Meilenstein seiner Geschichte. Dr. K-W. Harde verwirklichte einen lange gereiften Gedanken. Die erste Ausgabe der „Mitteilungen des Entomologischen Vereins Stuttgart“ erschien und fand schnell über die Vereinsgrenzen hinweg große Beachtung. Für viele Mitglieder war es eine große Freude, ihre Arbeiten in gedruckter Form zu sehen und Wissen zu erhalten. Bis heute erscheinen die Mitteilungen Jahr für Jahr. Ein leuchtendes Beispiel dafür, wie eine Idee aus den 1960er Jahren zu einem Herzstück unserer Vereinsarbeit werden konnte.1970er Jahre
Als Nachfolger von Rudolf Hürttle übernimmt Hein mit großem Einsatz die Betreuung des Geländes und der Hütte bis 2009.

Vereinsausflug zur Tschengla am Voralberg (1973).“
Nach langwierigen Verhandlungen und auf Drängen des 2. Vorsitzenden L. Schnell wurde die Rotenackergesellschaft nach einem Beschluss der Hauptversammlung im Oktober 1970 in den „Entomologischen Verein Stuttgart 1869 eV." eingegliedert. Die Eintragung des Eigentumswechsels in das Grundbuch der Stadt Markgröningen erfolgte am 26.11.1971. In der darauffolgenden Hauptversammlung des Entomologischen Vereins wurde Rudolf Hürttle als „Hüttenwart“ für den „Rotenacker“ gewählt.1980er Jahre

Gemütliches Beisammensein auf dem Vereinsgrundstück Rotenacker.
Anfang der 1980er Jahre wurde das Grundstück in ein entstandenes Naturschutzgebiet eingegliedert. Der Entomologische Verein darf es in seinem Sinne weiterführen, solange er die auferlegten Naturschutzvorgaben einhält. Auch neue Artenschutzverordnungen, die das Sammeln und Tauschen von Insekten erschwerten, veränderten das Vereinsleben. Der Verein unter dem Vorsitz von Dr. Wolfgang Schawaller agierte mit Tagungen, Exkursionen und verstärkter Publikationstätigkeit.1990er Jahre
Das Jahr 1990 brachte eine Zäsur sowohl für Deutschland und somit auch für den Entomologischen Verein Stuttgart. Schon bald trafen die ersten Briefe aus den neuen Bundesländern ein. Naturfreunde, die bisher isoliert waren, baten um die Aufnahme in den traditionsreichen Verein. Die Freude über diese Erweiterung war spürbar, und viele alte Mitglieder empfanden es als symbolischen Moment. Aus einem regionalen Zusammenschluss von Schmetterlingsfreunden war endgültig ein Verein geworden, der über Grenzen hinweg wirkte.2000er Jahre

Koleopterologentreffen in Beutelsbach (2007).
Neben zahlreichen Tagungen, wie beispielsweise der Koleopterologen Tagung in Beutelsbach, konnte im Jahr 2005 mit dem Wildbienen-Kataster eine weitere Arbeitsgemeinschaft etabliert werden. Diese entwickelte sich rasch zu einer wichtigenlattform für Nachweise von Wildbienen in Baden-Württemberg.2010er Jahre
Von 2012 bis 2019 übernahm Dr. Karin Wolf-Schwenninger den Vorsitz. Sie baute die Arbeitskreise weiter aus und förderte die Öffentlichkeitsarbeit. So wurde 2014 die Arbeitsgemeinschaft südwestdeutscher Koleopterologen fest in den Entomologischen Verein integriert und bildet seither den Arbeitskreis „Coleoptera“. Die jährlich stattfindenden Koleopterologen Tagungen wurden fester Bestandteil des Vereinskalenders. Nach dem Ausscheiden von Dr. K. Wolf-Schwenninger übernahm ihr Stellvertreter Prof. Dr. Lars Krogmann den Vorsitz des Vereins. Prof. Dr. L. Krogmann,Spezialist für Hymenopteren, wurde 2021 wissenschaftlicher Direktor des Naturkundemuseum Stuttgart.2020er Jahre

Erster Entomologentag am Naturkundemuseum (2023).
Seit 2021 leitet Dr. Hossein Rajaei den Verein und sorgt dafür, dass die Tradition bewahrt und zugleich aktuelle Themen wie Biodiversität und Citizen Science stärker betont werden. Unter seiner Leitung wurde auch eine neue Arbeitsgemeinschaft, die Bunte Wiese Stuttgart, in den Verein integriert und damit die aktuellen Themen rund um Artenvielfalt und Öffentlichkeitsarbeit einbezogen sowie Netzwerke rund um das Thema Insekten und Naturschutz erweitert. Die Initiierung der Stuttgarter Entomologentage im Jahr 2023 war eine konsequente Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Arbeit sowie Netzwerkbildung.
Reihe der Vorsitzenden seit 1925:#
